Fatma Toluk macht sich Vorwtirfe und Yildiz tragt das Haar jetzt ganz kurz

Fatma Toluk fuhr wie eine Verrűckte. Ihre Gedanken kreisten immer nur um die eine Frage: Was ist mit meinem Kind geschehen? Yildiz hatte am Telefon nur den Namen des Dorfes gesagt, von wo aus sie angerufen hatte. Habe ich in der Aufregung auch alles richtig verstanden?, dachte Fatma verwirrt. Wenn ich nicht richtig gehört habe und Yildiz wartet ganz woanders! Sie ahnte, dass Schrecklches geschehen war. Sie raste in das Dorf und bremste an der beleuchteten Telefonzelle. Allah sei Dank!, dachte sie, als sie Yildiz vor der Zelle auf dem Boden sitzen sah. Yildiz stand auf und sank ihrer Mutter in die Arme.Fatma drűckte ihre Tochter an sich, strich ihr űber das Haar und wurde starr vor Schreck. Das lange Haar war abgeschnitten.

Nach einer halben Stunde waren sie zu Hause. Yildiz hatte nur geweint, aber nichts gesprochen. Fatma Toluk brachte ihre Tochter ins Bad und zog ihr die Sachen aus. Yildiz zitterte immer noch. Als sie mit geschlossenen Augen in der Badewanne lag, fragte Fatma: „Was hat man mit dir gemacht, Yih? Hat man - dich vergewaltigt?" Yildiz schűttelte nur den Kopf.

Wieder und wieder fragte die Mutter: „Yih, was haben sie mit dir gemacht? Wer war es? Bist du vergewaltigt wor-den?"

„Sie hatten Masken", stammelte Yildiz schliesslich. „Nicht vergewaltigt. Aber es war schrecklich. Ich dachte - sie wollten mich töten "

Fatma wusch ihre Tochter und wickelte sie wie ein Kind in ein grosses Badetuch. „Komm, ich bringe dich zu Bett." Yildiz konnte sich nicht beruhigen. Immer noch rannen ihr die Tranen űber das Gesicht. Langsam und unterbro-chen vom Weinen erfuhr Fatma Toluk, was geschehen war. Sie gab Yildiz eine Schlaftablette und wartete, bis sie ein-geschlafen war.

Als Yildiz endlich schlief, brach Fatmas Verzweiflung her-vor. Sie ging in ihr Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Mit den Fäusten trommelte sie auf die Matratze. „Was sind das fűr Menschen! Was haben wir ihnen getan? Ich will raus hier, weg aus diesem Land. Weg, weg, weg! Ich hasse sie!"

Als sie ruhiger wurde, begann sie zu űberlegen. Was sol-len wir jetzt tun? Die Polizei ...? Nein, sie wtirden Yildiz nur ausfragen und von einer Stelle zur anderen schleppen. Aber glauben wurde man ihr nichts, weil sie es nicht be-weisen kann. „Keine Polizei!", hatte auch Yildiz unter Tranen gesagt. Aber sollten die Kerle einfach so weiterle-ben wie bisher, ohne eine Strafe zu bekommen? „Ich hasse sie alle!" Fatma schrie es in ihr Kopfkissen. „Ich hasse sie! Sie wollten Yildiz töten. Warum?" Zum Glűck blieb Murat űber Nacht bei seinen Freunden. Das war ihr eigentlich gar nicht recht, besonders nach der Geschichte im Laden. Aber heute war sie froh, dass Murat nicht zu Hause schlief. Er durfte auf keinen Fall erfahren, was geschehen war. Ich bin feige, dachte sie. Will ich viel-leicht nur alles verschweigen, damit Serdal mir keine Vorwtirfe macht? Er wtirde sagen: Fatma, du hast nicht auf unsere Tochter aufgepasst. Sie ist entehrt worden. Ich werde die Kerle niederschiessen ...



Nein, Serdal und Murat durften nichts davon erfahren. Es gab keinen anderen Ausweg, als zu schweigen. Warum sind wir nicht tot, meine Yih und ich? Dann konnten Serdal und Murat in die Heimat zurűck. Keiner wurde von der Schande erfahren. Ein Unglucksfall - mit dem Auto ...

Fatma kam sich so klein vor, so hilflos. Sie dachte: Wie er-tragen ,andere Menschen solches Ungluck? Schweigen die auch? Halten sie auch still und wehren sich nicht? Warum habe ich. denen,_,, die in den Laden gekommen sind, nicht einfach etwas an den Kopf geworfen? Warum habe ich nicht die Polizei gerufen?

Fatma schamte sich wegen ihrer Angst. Aber sie wusste: Ich werde auch diesmal feige sein. Morgen werde ich Yildiz in der Schule als krank entschuldigen. Das ist nicht mal eine Luge.

О Allah! Was bin ich doch fűr eine schlechte Mutter. Yildiz stand am nachsten Morgen bleich in der Kűche. Aber sie wollte unbedingt, dass ihre Mutter an diesem Tag den Laden genauso punktlich öffnete wie an alien Tagen. „Mama, ich habe es mir genau űberlegt. Niemand darf davon erfahren. Nicht mal Tante Yucel. Hörst du, niemand!" Dabei betonte sie jedes einzelne Wort. Fatma nickte nur. Dann sagte sie: „Dein Haar, Yih. Wir mussen es ..."

Yildiz fasste mit den Handen an ihren Kopf. „Ich weiss, Mama. Es sieht schlimm aus. Vater wird entsetzt sein. Was sagen wir ihm? Fatma Toluk ging ins Bad. Als sie zurűck-kam, hatte sie ein Handtuch und eine Schere in der Hand. „Setz dich auf den Hocker, Yih. Wir műssen daraus we-nigstens eine Frisur machen."

Sie legte Yildiz das Handtuch űber die Schultern und begann, das Haar zu schneiden. Dabei liefen ihr immer wieder die Tranen űber das Gesicht. Sie wusste, wie stolz ihr Mann auf das lange, kastanienbraune Haar seiner Tochter war. Wie erklare ich ihm das nur, dachte sie ver-zweifelt.



„Ich werde Vater sagen, dass ich dein Haar farben wollte, damit es schon glanzt", sagte sie zu Yildiz. „Und das hat nicht geklappt. So etwas gibt es doch, oder?" Yildiz nickte. ,Ja. So können wir es ihm vielleicht er-klaren." „Wir műssen es versuchen."

Fatma Toluk nahm Yildiz das Handtuch von den Schultern. Dannjjuckte sie j>ich und sammelte die abgeschmtte-nen Haare vom Boden auf. „Sieht gar nicht so schlecht aus", sagte sie schliesslich. „Schau mal in den Spiegel, Yih." Yildiz betrachtete sich im Spiegel. Sie war sich selbst ganz fremd. „Und was sagen wir Murat?" „Dasselbe. Was sonst?" Fatma Toluk streichelte Yildiz űber das kurze Haar." Es wachst bestimmt schnell wieder."

Yildiz schloss die Augen. Sie wollte allein sein. Nachden-ken können. „Geh, Mama. Es ist Zeit, dass du den Laden aufmachst. Es soil alles so sein wie sonst. Bitte, Mama." Wenn Yildiz die Augen schloss, sah sie die schwarz mas-kierten Kerle vor sich. Auch die Musik aus dem Auto fdrohnte noch in ihren Ohren. Das habe ich schon gehört, ! dachte sie immer wieder. Als ich bei Markus war und Ben dazugekommen ist. Der hatte so eine Kassette in seinem Recorder.

Markus! Was war, wenn er davon erfuhr? Wenn er durch Ben erfuhr, was die Kerle mit ihr gemacht hatten! Yildiz ging ins Badezimmer und stellte sich vor den Spiegel. Ein fremdes, trauriges Gesicht schaute ihr entgegen. Das bin ich also, dachte sie. So sieht Yildiz, der Stern, aus.


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